Das Projekt „Pflege vor Ort“ im Mehrgenerationenhaus Kyritz muss erhalten bleiben
Die Pflegebedürftigkeit eines Menschen kann sich schleichend anbahnen oder plötzlich auftreten. In jedem Fall stellt es den Betroffenen selbst und die Angehörigen vor die Herausforderung: Woher bekomme ich welche Unterstützung? Die vielfältigen Angebote sind oft nicht bekannt, die Beantragung der Mittel aufwendig. Eine Kranken- bzw. Pflegekasse zur Beratung gibt es vor Ort in Kyritz schon einige Zeit nicht mehr.
Die Kyritzer und die Bewohner der Ortsteile haben jedoch seit drei Jahren eine feste Anlauf- und Beratungsstelle, an der sie professionelle Beratung und Hilfe erhalten: das Team von „Pflege vor Ort“ im Mehrgenerationenhaus Kyritz.
Daniela Güldner berät hier zu Entlastungsleistungen, Verhinderungspflege sowie zu Wohnumfeld verbessernden Maßnahmen und gibt Hilfestellungen bei Antragstellungen für Pflegehilfsmittel oder Pflegegrade, bringt Angehörige von Menschen mit Demenz zusammen. Ziel war und ist es, pflegebedürftigen Menschen das Leben zu Hause zu erleichtern und die stationäre Pflege möglichst lange zu vermeiden. Daniela Güldner arbeitet dabei eng mit dem Quartiersmanagement Kyritz-West und der Bürgerberatung im Rathaus zusammen. Es gibt feste Sprechzeiten und es können auch individuelle Termine vereinbart werden – auch bei den Pflegebedürftigen zuhause.
Die Projektmittel vom Land Brandenburg sind jedoch nur bis 30. Juni 2025 bewilligt. Ob und wie es dann weitergeht, ist ungewiss. Anfang Juni wird der Landtag voraussichtlich über den Haushalt 2025/26 entscheiden. Die Richtlinie Pflege vor Ort verlängert sich laut Landesamt bis 2026.
Am 15. Mai besuchte Jan Redmann, Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion im Brandenburger Landtag, das Team von „Pflege vor Ort“ und das Mehrgenerationenhaus und hob hervor: „Mit Pflege vor Ort lässt sich mit relativ geringem Mitteleinsatz sehr viel erreichen.“
Kämmerer Michael Köhn erklärt: „Das Land fördert die Maßnahme bisher mit mehr als 50.000 Euro pro Jahr. Die Stadt beteiligt sich mit weiteren etwa 12.400 Euro und stellt die Räume für die Pflegeberatung zur Verfügung.“ Er betont: „Wir stehen vor verschiedenen Herausforderungen. Wir rechnen mit einem signifikanten Rückgang der Schlüsselzuwendungen durch das Land und haben zudem 25 Prozent weniger Gewerbeeinnahmen. Dazu kommt der Kostendruck. Alles kommt auf den Prüfstand: Was müssen wir nach hinten schieben, auf was müssen wir verzichten.“
Veronika Lausch, Amtsleiterin für Bürgerservice, Bildung und Soziales dazu: „Wir machen uns natürlich Sorgen, dass die Mittel erhalten bleiben. 2021 hatten wir den Antrag auf das Programm „Pflege vor Ort“ gestellt, 2022 nahmen die Mitarbeiterinnen der beauftragten Comtact GmbH die Arbeit auf. Seitdem arbeiten wir sehr gut und erfolgreich zusammen.“
Wie gut die Angebote des Teams von „Pflege vor Ort“ nach drei Jahren vertrauensvoller Arbeit angenommen werden, zeigen folgende Zahlen: Hatten die Mitarbeiterinnen im Jahr 2022 noch „nur“ 660 Kontaktaufnahmen etwa bei Treffen mit Netzwerkpartnern, dem Kaffeeklatsch im WeltRaum, während der Seniorenwoche, mit dem Seniorenbeirat, während der Demenzwoche, an Infoständen auf dem Wochenmarkt, beim Familien- oder Rosengartenfest, so waren es in den Jahren 2023 und 2024 schon bereits jeweils mehr als 1100 Kontakte.
Die Beratungen im Büro, telefonisch oder persönlich vor Ort, wuchsen von 158 im Jahr 2022 auf 499 im Jahr 2023 und auf 728 im Jahr 2024. Gleiches gilt für Begleitungen bei Gutachten durch den Medizinischen Dienst, Hilfe bei Anträgen, Arztbesuchen, Begleitung zum Rehasport, Ermittlung der Wohnsituation und des Pflegebedarfs vor Ort, Unterstützung bei Gesprächen etwa mit Seelsorgern. Hier stiegen die Zahlen von 54 im Jahr 2022, über 137 im Jahr 2023 auf 150 im Jahr 2024.
Christian Boldt, Teamleiter für Soziales Jugend, Sport, MGH, Vereine, Senioren befürchtet: „Das was jetzt durch Weiterempfehlung, Mundpropaganda aufgebaut wurde, droht wegzubrechen und muss dann wieder von Behörden übernommen werden.“
Die Stadt Kyritz hofft, das es dazu nicht kommen muss und die Mittel vom Land für „Pflege vor Ort“ weiter bewilligt werden.
Hintergrund zum Projekt „Pflege vor Ort“ in Kyritz
Ausgangssituation:
Zunahme der älteren Bevölkerung vor allem der Hochaltrigen. Verbunden damit eine Zunahme des Pflege- und Unterstützungsbedarfes
Zunahme des Fachkräftemangels in den Pflege-, Sozial und Gesundheitsberufen
Zunahme des Risikos von Altersarmut wegen geringer Erwerbseinkünfte und gebrochenen Erwerbsbiographien
Mit dem Antrag auf das Projekt „Pflege vor Ort“ verfolgte die Stadt Kyritz das Ziel, den Aufbau einer Unterstützungsstruktur für pflege- und betreuungsbedürftige ältere Menschen zu realisieren, die geeignet ist, ein selbstbestimmtes und selbständiges Leben in der eigenen Wohnung / Haus sowie im gewohnten Umfeld so lange wie möglich zu gewährleisten.
Das Kyritzer Beratungsangebot konzentriert sich auf folgende Schwerpunkte:
Aufklärung über Leistungen der Kranken- und Pflegekassen sowie anderer Sozialleistungen
Unterstützung bei der Beantragung von Sozialleistungen einschließlich der Begleitung im weiteren Verfahren
Beratung im alltäglichen Umgang mit Demenzkranken
Vermittlung zu weiterführenden Beratungsangeboten
Vermittlung von Leistungsanbietern
Vermittlung von ehrenamtlichen Betreuungskräften in der Häuslichkeit
Durchführung von regelmäßigen Informationsveranstaltungen
Aufbau eines Netzwerkes mit Leistungsträgern und anderen Akteuren der Altenhilfe
Informationen zu Patientenverfügungen sowie zu Vorsorge- und Betreuungsvollmachten
Informationen zur Wohnraumanpassung und deren Finanzierungsmöglichkeiten
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